Der verweigerte Handschlag: Respektlosigkeit und Gefahr?

Ein Kommentar von unserem Mitbegründer Fabian Schmidmeier

Als vor ein paar Tagen ein Imam in einer Flüchtlingsunterkunft die CDU-Politikerin Julia Klöckner vorab telefonisch informierte, er gebe Frauen nicht die Hand, machte sie diesen Vorfall öffentlich und löste damit eine Debatte über eine angebliche Gefährdung unserer Grundwerte durch muslimische Flüchtlinge und muslimische Deutsche (ca. 3 Millionen) aus. Empörend sei für Klöckner nicht in erster Linie der verweigerte Handschlag gewesen, sondern der angebliche Gedanke, der dahinter stecke, nämlich dass Frauen weniger wert seien als Männer und ihr der Imam deshalb den Handschlag verweigert habe. Doch diese Äußerung von Julia Klöckner ist grob falsch.

Kein Handschlag als Zeichen einer geringeren Wertigkeit von Frauen?

Was Julia Klöckner als eine Grundeinstellung von Männern, die Frauen nicht die Hand geben, beschreibt, ist inhaltlich nicht tragbar. Zwar mag es durchaus Männer, insbesondere im neo-“salafistischen” Milieu geben, die Frauen als minderwertig erachten, doch ist dies im Falle des Handschlages nicht von Bedeutung. Vielmehr betrifft die Entscheidung, dem jeweils anderen Geschlecht nicht die Hand zu geben, beide Geschlechter. So gibt es gleichermaßen Musliminnen und Muslime, die es aus religiöser Überzeugung ablehnen, Angehörige des jeweils anderen Geschlechts, außer den/die eigene Partner/in, Verwandte oder Kinder, zu berühren. Begrüßt wird das jeweils andere Geschlecht trotzdem. Musliminnen und Muslime legen hierfür als Zeichen des Respekts die rechte Hand auf die linke Seite des oberen Brustkorbs. Manchmal gibt es hierbei eine kleine Verneigung, die den Respekt vor dem Gegenüber noch einmal verdeutlicht.

Gibt es so etwas nur im Islam?

Nein. Erstens ist diese Interpretation nicht so weit verbreitet wie jetzt viele denken und zweitens betrifft diese auch Angehörige des konservativen und orthodoxen Judentums. Beim Judentum gilt es im Falle einer solchen Interpretation auch für beide Geschlechter gleichermaßen und ist kein Ausdruck der Geringschätzung des jeweils anderen Geschlechts. Im Christentum ist diese Tradition nicht mehr weit verbreitet. Viele konservative Politiker betonen stets das jüdisch-christliche Fundament Europas. Das Nicht-die-Hand-geben ist fester Bestandteil eines großen Teils des Judentums, auch in Deutschland.

Eine Gefahr für unsere Grundwerte?

Die Reaktion von Julia Klöckner ist nicht nur eine maßlose Übertreibung, sondern auch grob fahrlässig. Selbstverständlich mag es hierzulande zunächst unhöflich anmuten, wenn man sich nicht die Hand gibt, doch dies als eine Gefahr für Grundgesetz und Demokratie aufzubauschen ist ein hysterischer Alarmismus, der in so manchen deutschen Debatten zum Ausdruck kommt. Dazu kommt die Falschbehauptung von Julia Klöckner, diese Geste basiere auf der Ansicht, die Frau sei unreiner oder weniger wert als ein Mann, was in einem gesellschaftlich aufgeheizten Klima zusätzlichen Zündstoff liefert. Unsere Politik sollte sich vielmehr ihrer Verantwortung bewusst sein, dass das, was sie sagt weitreichende Folgen hat. Von einer Abgeordneten kann durchaus verlangt werden, dass sie sich mit Hilfe ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter inhaltlich besser informiert, denn Fehlinformationen und Halbwahrheiten brauchen die Debatten dieser Tage am aller Wenigsten!

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