Pluralismus – verbindliche Werte – Utopie?

Ein Gastbeitrag von Volker Grunert

(Überarbeitetes Skript eines Vortrages anlässlich der feierlichen Abendveranstaltung zur Präsentation der Ergebnisse des ersten Dialogperspektiven-Jahres 2015/16 im Großen Saal des Jüdischen Museums in Berlin am 29.05.2016.)

 

Meine Damen und Herren,

 

Verglichen mit den dominierenden Deutungen des Weltgeschehens wirkt das Nachdenken über Pluralität wie eine Utopie, wie eine nicht weiter bedeutende schöngeistige Unternehmung. Die aktuelle mediale Öffentlichkeit ist von etwas bestimmt, das Carl Schmitt, seines Zeichens Chefjurist des faschistischen Deutschlands, wie folgt auf den Punkt gebracht hat: Die Feindschaft ist das Wesen des Politischen, die Unterscheidung zwischen Freund und Feind sein Kriterium.

Diese These hat im Europa nach der NS-Zeit mehr Zu- als Widerspruch erfahren. Derweil kann diese zweipolige Vereinfachung eine der grundlegendsten Erfahrungen menschlichen Lebens nicht fassen: Nämlich die Erfahrung gesellschaftlicher Pluralität, von Formen eines dauerhaften Nebeneinanders verschiedener Sprachen, Ethnien, Institu- tionen, wirtschaftlicher Organisationsformen und Weltdeutungen.

Diese Erfahrung beginnt für uns historisch nachvollziehbar spätestens im 4. Jahrtausend vor der Zeit mit dem durch drei Jahrtausende andauernden gleichzeitigen Gebrauch des Sumerischen und Akkadi- schen im gesamten Alten Orient. Es scheint, dass sich diese schon sehr lange zu beobachtende Realität der Pluralität für Menschen in Zukunft auch nicht ändern wird. So erscheint Schmitts These weniger als Allerklärungsschema menschlichen Erlebens sondern höchstens als Darstellung eines Aspektes davon und zum anderen als Relikt einer totalitären Episode der Provinz Europa.

Doch erleben Freund und Feind in aktuellen Debatten ein beunruhi- gendes Revival. Wir erachten es daher für dienlich, angesichts dieser Wiederkehr den Fokus auf einen korrigierenden Narrativ zu lenken: Der Beschreibung gesellschaftlicher Pluralität.

Jedoch ist bei diesem Unterfangen auf Grenzen hinzuweisen: Bezüg- lich pluralistischer Gesellschaftsbilder erliegen nicht wenige der Versuchung, sich das Ideal eines diffusen universalen Ganzenzu malen, in denen sich alle Glieder bis zur Ununterscheidbarkeit ähneln (wir nannten es den „gigantischen Multivitaminsaft“). So kann aus Pluralismus ein weiterer Ismus, eine Utopie, werden. Wir versuchten ihn dagegen als einen Begriff zu gebrauchen, der uns beim Verständnis und der Bewältigung gegenwärtiger Erfahrungen des Zusammenlebens nützlich sein soll.

Unser Austausch über die disziplinären, religiösen resp. kulturellen Grenzen hinweg führte uns zu folgendem Schluss: Ein Prozess des ste- tigen Aushandels, eine nach pragmatischen Gesichtspunkten gesche- hende transkulturelle Übernahme vormals fremder Elemente und Ausdrucksformen in den eigenen Alltag, also Pluralität und Interkulturalität, sind kein Alleinstellungsmerkmal, ja nicht einmal eine Erfindung des modernen Europa, sondern eine gemeinmenschliche Ressource.

„Kultur“ ist in diesem Rahmen keine absolute Einheit, keine totale Gesamtheit, sondern die Summe aller gesellschaftlichen Einzelprakti- ken.

Wenn wir dies für den Moment als „Kultur“ betrachten, dann ist „Pluralismus“ hier ein Reflektionsraum. In ihm kann das Verhältnis vorhandener gesellschaftlicher Glieder zueinander analysiert und ggf. auch problematisiert werden, also beispielsweise das Zusammenleben ethnischer und religiöser Gruppen oder der Einfluss gesellschaftlicher Funktionsbereiche (Politik, „Religion“, Pädagogik, Wirtschaft etc.). Als Konzept hat der Pluralismus ein gelungenes Zusammenleben der vorfindlichen gesellschaftlichen Glieder als Ziel: Um ein Begriff aus der Musik zu leihen: eine Polyphonie.

Der Weg dazu ist das Ertragen von Differenz, Mehrdeutigkeiten und Imperfektion, sowie das Bürgen für faktisch aber nicht „virtuell“ in der allgemeinen Wahrnehmung existierende Glieder der Gesellschaft. Es geht also um keine Utopie, sondern ein lang erprobtes Bewältigungs- muster von stets neu erfahrenen Veränderlichkeiten.

Sind in diesem Rahmen Werte als beliebig anzusehen?

Schließlich galten lange Zeit pluralistische Menschen- und Gesellschaftsbilder als Schreckmodell für konservative Stimmen aller Couleur. Bis heute hat in vielen kritischen Bewertungen der Beliebigkeits- vorwurf seine Plausibilität bewahren können.

Bei der Frage nach „unseren Werten“ erliegen selbst zeitgenössische AutorInnen der Versuchung, diese historisch zu zementieren. Beispielsweise sind auch heute noch nicht wenige dazu geneigt, das abendländische Europa als wahre Nachfahrin der rationalen und daher monochrom weiße Statuen bauenden Hellenen darzustellen. Diese Annahme ist ähnlich haltbar wie die der weißen Statuen selbst. Diese war- en vor ihrem Ausbleichen, bunt – also nicht mono, sondern polychrom.

Sie vermochten es – fast sinnbildlich – eine begrenzte Vielzahl unterschiedlicher Farben auf sich zu vereinen; ganz so wie im Antiken Griechenland orientalisches Wissen, die Herrschaft der freien Bürger, die alten homerischen Epen, mystische Erfahrungen und rationale Erörterungen de facto nebeneinander existieren konnten – nicht selten gar in ein und derselben Person.

Summa sumarum: Werte sind, so lehrt es der antike griechisch-philosophische oder auch biblische Diskurs, nicht statisch. Sie sind praktische Statements Einzelner(oder einzelner Gruppen) zu den historisch stets veränderlichen Normen und Restriktionen eines Kollektivs.

Die Frage nach der Beliebigkeit ist also durch den Blick auf die pragmatische Fundierung von Werten zu ersetzen: Zu wirklichen Wer- ten werden Werte erst durch ihre Attraktivität für andere. Diese Attrak- tivität beruht auf ihrer Plausibilität. Die Plausibilität beruht auf einem Diskurs, in dem sie für die Teilnehmenden entsteht. Der Diskurs braucht einen Raum, in dem er gesichert stattfinden kann. Der Raum braucht ein Konzept, das für die in ihm Agierenden grundlegend ist. Ein pluralistischer Raum, ein pluralistisches Konzept, hier können in der aktuell politisch aufgeheizten Diskussion über Werte und „Leitkultur“ die bunte Statuen bauenden Alten Griechen zum Vorbild werden.

Aber nicht nur sie.


Volker Grunert ist evangelischer Theologe und lehrt an der Universität Heidelberg. Er ist Gründer der Plattform für komplizierte BibelstellenGrunert unterstützt den Aufbau des Café Abraham Heidelberg

 

 

 

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